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2016

gestaltet von Tabea Vahlencamp www.creatiphoto.de


 Ich möchte mir heute mit euch ein paar Gedanken über die Jahreslosung von 2016 machen.
Gelesen habt ihr sie sicher alle schon:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet
Jes. 66,13

Trösten wie einen seine Mutter tröstet ….. was habt ihr da für Bilder vor Augen oder für Assoziationen?

Ich habe das Bild einer stillenden Mutter vor Augen, die ihren weinenden Säugling an die Brust legt und das Kind wird still und getröstet an der Brust der Mutter. Alles ist gut, liebevoll wird das Kind im Arm gehalten – ist geborgen, versorgt mit allem was es braucht und sicher gehalten. Ein schönes Bild und diese Jahreslosung gefällt mir sehr. So meine ersten Gedanken.

Stillen, eine intensive Form des Trostes. Doch erinnern können wir uns – sofern wir überhaupt gestillt wurden - in der Regel nicht daran.
Aber vielleicht können wir heute noch spüren wie es sich anfühlte, wenn uns jemand tröstend über den Kopf strich oder in den Arm nahm, auf ein aufgeschlagenes Knie pustete, das Blut abwischte und Salbe auf die Wunde strich und dabei beruhigende Worte sagte, oder einfach da war für uns wenn wir Kummer hatten und uns zuhörte.
Getröstet werden ist wichtig, sonst bleiben wir mit unserer Not, unserem Schmerz alleine und das ist nicht gesund.
Das waren so meine ersten Gedanken die ich zur Jahreslosung hatte.

Doch im Austausch mit Freunden und Bekannten kamen auch andere Gedanken dazu:
Trost wenn man keine tröstende Mutter hatte?
Wenn die Mutter keinen Trost geben konnte oder gar wollte?
Trost wenn man vielleicht sogar Angst vor der Mutter hatte?
Oder wie es ein lieber Freund ausdrückte: wenn die Mutter ein „Totalausfall“ war?
Manche Menschen mit denen ich mich zu der Jahreslosung ausgetauschten habe, fanden so gar keinen Zugang zu dem Vers und können damit nichts anfangen. Auch das kann ich gut verstehen.

Meine Mutter war keine tröstende Mutter, sie konnte das nicht besonders gut und ich kann mich nur sehr schwer an Situationen erinnern wo sie mich getröstet hat.
Trost habe ich eher von meinem Vater oder meinen Großeltern bekommen, von einer Nenntante, oder den Eltern einer Freundin und einer Nachbarin…

Mütterliche Freunde, mütterliche Väter, mütterliche Bekannte können also auch mütterlichen Trost schenken….. so durfte ich das jedenfalls erleben.

Wegen meiner eigenen Trosterfahrungen und auch der fehlenden Trosterfahrungen und den Gesprächen die ich geführt habe, wurde es mir zum Anliegen, mich mit der der Jahreslosung eingehender zu beschäftigen.

Ich möchte vorausschicken, mir fehlt viel Hintergrundwissen, ich habe weder eine Bibelschule noch ein Predigerseminar besucht – somit kann ich lediglich absolut laienhaft meine Gedanken weiter geben. Mein Schwerpunkt liegt darum auch nicht darauf, dass ich eine tiefschürfende Bibelauslegung vornehmen möchte was ich nicht kann, so spannend das auch sicher wäre.

Ich möchte lediglich versuchen euch diese Losung nahezubringen, dass sie auch für diejenigen die mit dem Begriff Trost einer Mutter Probleme haben zu einer wundervollen tröstenden Losung werden kann und ihr das vielleicht auch weiter geben könnt.

Wenn ich nun zurück gehe zum Text aus Jesaja, dann kann ich mir vorstellen, dass es auch für die Israeliten nicht einfach war mit diesem Text etwas anzufangen – lesen wir einmal den kompletten Vers 13:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
Jes. 66,13 (Luther)

An Jerusalem getröstet werden? Wie sollte das gehen? In meinem Bibelregister habe ich einmal nachgelesen und stellte fest, zur Zeit Jesajas lebte das Volk Israel in einer schwierigen Zeit:

701 wurde Jerusalem durch Assyrien belagert,
722 erobert von Sargon II von Assyrien und damit das Endes des Nordreiches Israel

Ihr kennt die Geschichte, alles wird noch schlimmer: Wegführungen, Gefangenschaft, Zerstörung des Tempels
Und dann kommt Jesaja und spricht vom Trost an Jerusalem
Damit hatten die Israeliten bestimmt auch Mühe


An Jerusalem getröstet werden, nicht dem aktuellen, sondern an dem neuen herrlichen Jerusalem, so wie Gott sich das vorstellt und geplant hat daran soll das Volk getröstet werden, so wie man es im 65 Kapitel lesen kann:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,

Jes. 65,17+18

Trost also nicht in dem finden was gegenwärtig und menschlich ist, sondern an dem was göttlich ist, wie Gott es geplant und ausgedacht hat und was erst noch kommt.

Was bedeutet das für diese Jahreslosung?

Ich sagte am Anfang bereits, dass ich sofort das Bild eines gestillten Säuglings an der Brust der Mutter vor Augen hatte. Wer selber Kinder gestillt hat weiß, dass Stillen viel mehr als Nahrungsgabe ist: für das Kind bedeutet es zuerst einmal: Ich darf leben!!!
Daraus folgt…. Geborgenheit, Wärme, Schutz, Sicherheit, Trost, Hoffnung und auch Zukunft!

Egal was das Baby quält – ob Hunger oder Durst, ein böser Traum oder das Gefühl alleine zu sein oder irgendein Schmerz – an der Brust der Mutter wird es still und getröstet. Der Ort der vollkommenen Sicherheit, Geborgenheit und Glückseligkeit für ein Baby.

Und genauso hat sich Gott das auch gedacht: Kinder finden Trost bei der Mutter. So sagt es auch die Bibel

Du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.
Ps. 22,10

Kommen wir zurück zu Jerusalem: welchen Stellenwert und welche Bedeutung hatte und hat Jerusalem für die Juden?
Ein lieber Freund hat mich auf Folgendes hingewiesen – ich zitiere:

In Jerusalem war die Schehina Gottes. Die Einwohnung Gottes. Gott wohnt in Jerusalem. Alles Trachten und Sehnen der Juden (bis heute) ist Jerusalem. Der jüdische Gruß „Bis nächstes Jahr in Jerusalem“ wurde gesprochen und gewünscht auch zu Zeiten, als ein Besuch in Jerusalem v e r b o t e n oder unmöglich war. Das Zentrum des jüdischen Glaubens und Kults ist Jerusalem, der Wohnort Gottes. Im jüdischen Denken ist Jerusalem identisch mit dem Platz, an dem Isaac gebunden wurde und geopfert werden sollte. Ja, es geht noch weiter: An der Stelle, an der heute die Grabeskirche steht und überbaut den Felsen, auf dem das Kreuz von Golgatha stand, an dem Ort glauben sie, wäre Adam begraben. An dem Ort an dem heute der Felsendom den sichtbaren Bergfelsen von Moria überdeckt, stand der Opferaltar. Zion ist auch damit gemeint.

Das fand ich sehr spannend und es bedeutet doch: Jerusalem ist der Ort wo der umfassendste Trost zu finden ist, da wo Gott wohnt!

Es bedeutet, echter Trost ist da, wo alles perfekt und richtig ist: für das Baby bei der Mutter an der Brust und für das Volk Gottes – und genauso auch für uns ist der perfekte Ort des Trosts da, wo Gott gegenwärtig ist!

So hat sich Gott das auch gedacht – Gott hat den Menschen gut gedacht – das lesen wir schon sehr früh in der Bibel:

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

1. Mo. 1,26,27+31

Doch dann kam die Sünde in die Welt und vieles was Gott sich gut ausgedacht hatte, wurde von Schuld zerstört. Aus Müttern die trösten, wurden Mütter die nicht trösten konnten oder wollten oder noch schlimmeres - wir können es bisweilen entsetzt den Medien entnehmen, wozu Mütter gegen ihre eigenen Kinder fähig sind….

Wenn ich nun an meine Mutter denke, dann ist mir im Laufe des Lebens klar geworden, dass sie vielleicht auch gerne eine tröstende Mutter gewesen wäre, es aber einfach nicht konnte.
Sie hatte in den ersten 10 Jahren ihres Lebens viel Schlimmes erlebt – oder Traumata wie man heute sagt: 1935 geboren, knapp 15 Monate später wurden ihre beiden Brüder geboren und sie musste bestimmt sehr zurückstecken klein wie sie war, 1938 starb der Vater, 1939 begann der Krieg den sie zum großen Teil Berlin in der Nähe des Judenviertel erleben und erleiden musste, einer der Brüder starb als 3 Jähriger an Diphtherie während sie und der andere Bruder ebenfalls mit Diphtherie in unterschiedlichen Kliniken im Kriegsberlin lag. Was sie dann später in Ostpreußen erlebt haben mag, kann ich nur vermuten und möchte ich vielleicht gar nicht genau wissen.
Ich kann heute nachvollziehen warum sie so war wie sie war …. ein schwieriger Mensch – aber: so wie sie geworden ist durch das was sie erlebt und erlitten hat, so hat Gott sie nicht ausgedacht!

Gott hat sie als jemanden ausgedacht, der wunderbar gemacht war – so wie jeder von uns:

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Ps. 139,14

Wunderbar sind wir gemacht, doch durch Schuld – eigene Schuld oder die Schuld anderer kaputt gemacht und zerstört, bis von dem was Gott sich ausgedacht hat nichts mehr zu erkennen ist.

Genauso wie Gott meine Mutter wunderbar erdacht und gemacht hat – genauso wunderbar wird das neue herrliche Jerusalem sein von dem der Prophet Jesaja spricht – und auch davon können wir heute kaum etwas erkennen.

Dennoch gilt: wenn hier in der Welt so viel kaputt ist, Lieblosigkeit, Kriege, Not und Verfolgung, Flucht und Angst, Verletzungen der Seele, Lug und Trug, so dürfen wir uns vergegenwärtigen, dass Gott es sich anders gedacht hat! Er hat es sich wunderbar ausgedacht und er wird es zu einer wunderbaren Vollendung bringen. Eines Tages, mit dem neuen Jerusalem von dem Jesaja spricht!

Für die Juden ist nach wie vor das Ziel aller Träume, das neue Jerusalem, wo Gott wohnt. Wir als Christen dürfen heute schon wissen, dass Jesus gegenwärtig ist, jetzt und hier und heute. Wir dürfen wissen, dass er in uns Wohnung genommen hat. Das ist gut und tröstlich, und trotzdem freuen wir uns darauf, dass wir eines Tages ganz in seiner Gegenwart leben dürfen, von Angesicht zu Angesicht.

Bis dahin dürfen wir uns trösten lassen, trösten mit den Zusagen die Gott uns gibt, trösten lassen dass er ganz gewiss da ist, jeden Morgen und jeden Abend, jeden Tag aufs neue - so wie es Dietrich Bonhoeffer in seinem Lied "Von guten Mächten" so wunderbar beschrieben hat.


Und wir dürfen uns trösten lassen mit der Zusage des umfassenden göttlichen Trostes der uns mit dieser Jahreslosung zugesprochen wird.

Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.
Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen.
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.


Jes.66,11-13

Wenn ich mit diesem Blick die Jahreslosung lese, dann ist sie mir auch dann Trost, wenn ich keine tröstende Mutter hatte, aber mit dem Blick darauf, wie Gott sich das ursprünglich gedacht hat.

Wenn ich diesen Blick habe, dann darf ich mich darauf freuen, dass ich eines Tages in der Vollkommenheit ankommen darf und mich im hier und jetzt, in der Not um mich herum mit Gottes Zusagen trösten lassen, so wie einen seine Mutter tröstet, auch wenn der mütterliche Trost den ich kennengelernt habe nicht von meiner Mutter sondern von anderen Personen kam.

Wisst ihr, worauf ich mich im Himmel ganz besonders freue? Dass ich dort meine Mutter so sehen darf, wie Gott sie ausgedacht hat – vollkommen, ihm zum Bilde, so wie ich auf ihrem Sterbebett einen kurzen Blick davon erhaschen durfte – und dann darf ich sehen: siehe es ist sehr gut!

Amen

Copyright A. Ellerbusch